Reise in die innere Freiheit - Andacht zum Ewigkeitssonntag

von Regionalbischof Dr. Stefan Ark Nitsche, erschienen am 23.11.2014 im Sonntagsblatt, evangelische Wochenzeitung für Bayern

Abgelaufen. Vor der Zeit zu Ende. Knapp fünf Wochen vor Silvester beginnt die letzte Woche des Kirchenjahres. Angezählt, um es nicht zu versäumen: drittletzter, zweitletzter, und schließlich letzter Sonntag des Kirchenjahres.

Zu früh? Verschenkte Zeit? Anders als in der nahtlosen Folge von Silvester und Neujahr, dem ansatzlosen Übergang vom Alten zum Neuen schenkt uns das Kirchenjahr einen Tag, eine ganze Woche sogar, wenn wir wollen, bevor die neue Zeitrechnung beginnt. Und auch die beginnt nicht mit einem Böllerschlag oder künstlichen Lichterspuren am Winterhimmel, sondern mit dem Warten auf den ersten Schrei eines Neugeborenen.


Geschenkte Zeit. für die Spuren des Jahres: Hoffnungen, Ängste, Enttäuschungen, Glücksmomente, Abschiede.
Manche kommen an diesem Ewigkeitssonntag in die Kirchen, um noch einmal den Namen eines Menschen zu hören, der im vergangenen Jahr gestorben ist. Sie wollen hören und durch das eigene Kommen bezeugen, dass Abschied nehmen nicht Vergessen heißt. Sie wollen sehen, wie ein Licht angezündet wird als Zeichen der Hoffnung, dass unsere Toten nicht im Dunkel verschwunden sind, als Symbol einer Sehnsucht, dass sie aufgehoben sind im warmen Licht des Lebens. Und sie hören als Predigttext einen Abschnitt aus einem vor beinahe zweitausend Jahre verfassten Testament:

3 Ihr sollt vor allem wissen,
dass in den letzten Tagen Spötter kommen werden, die ihren Spott treiben,
ihren eigenen Begierden nachgehen 4 und sagen:
„Wo bleibt die Verheißung seines Kommens?
8 Eins aber sei euch nicht verborgen, ihr Lieben,
dass "ein" Tag vor dem Herrn wie tausend Jahre ist
und tausend Jahre wie ein Tag.
9 Der Herr verzögert nicht die Verheißung, wie es einige für eine Verzögerung halten;
sondern er hat Geduld mit euch und will nicht, dass jemand verloren werde, sondern dass jedermann zur Buße finde.
10 Es wird aber des Herrn Tag kommen wie ein Dieb; dann werden die Himmel zergehen mit großem Krachen; die Elemente aber werden vor Hitze schmelzen,
und die Erde und die Werke, die darauf sind, werden ihr Urteil finden.
13 Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt. (2. Petrusbrief, Kap 3,3-13 in Auszügen)

Da schreibt einer, der das Ende seines Lebens nahen spürt. Es ist sein geistliches Testament (Kap.1,12-15). Er kennt die Fragen und die Zweifel, die an seiner Zuversicht nagen. Und er hält nicht hinter dem Berg damit. Ob die Spötter ihm leibhaftig gegenüber sitzen, ob er sich nur ausmalt, was sie so billig  aus der Oberfläche seines Lebens und seiner Hoffnungen machen oder ob es das scharfe Zischen oder dumpfe Raunen aus der eigenen Seele ist, in schlaflosen Nächten – egal: Er spricht es aus: die Befürchtungen, dass alles vergeblich gewesen wäre, dass sich nichts verändert habe, dass es gleichgültig sei, von welchen Verheißungen man sich verlocken lässt. Die versprochene neue Welt, das Reich Gottes lässt immer noch auf sich warten. Ganz egal, was ich tue oder lasse: die Welt wird nicht besser.
Er spart auch die ganzen Horrorszenarien nicht aus von einem schrecklichen Tag des Gerichts, der in Wirklichkeit auf uns warte. Die Ausgeburten von Seelenängsten, dass die ersehnte Gerechtigkeit sich in einem dies irae, einem Tag des Zorns entlade, werden auf die Seiten des Testaments gezeichnet.
Und während er es noch ausmalt, weiß er doch gleichzeitig, dass das den Hoffnungsspuren seines Lebens widerspricht. Die Erfahrung eines Lebens lassen ihn Argumente suchen im Ringen mit denen, die ihm den Sinn stehlen wollen, mit den Dieben seiner Zuversicht. Und er findet sie: in den Liedern der Tradition und in der Predigt Jesu.
Ein Psalm wird laut in ihm (Ps 90,4 in V.8), der vom Geheimnis der Zeit aus Gottes Perspektive singt: Bei dem, der Anfang und Ende zugleich ist, bei dem ist der scheinbar unumkehrbare Fluss der Zeit vom Gestern ins Morgen aufgehoben wie die Fluten in einem unendlichen Meer der Gleichzeitigkeit. Das unwiederbringlich Versäumte verliert seinen tödlichen Schrecken.
Die Gleichnisse vom Verlorenen des Predigers aus Nazareth (Luk 15) und seine Heilungen, die Menschen wieder in die Gesellschaft zurückholen, nehmen ihn erneut mit auf eine Reise in die innere Freiheit: Gott will, dass keine und keiner verloren geht (V.9). Dafür nimmt er sogar in Kauf, dass er als inkonsequent verdächtigt wird.

Und dann, vielleicht spürt er, dass Ängste nicht mit Argumenten zu vertreiben sind, dann lässt er uns ganz nah an sich ran. Das Geheimnis der Nähe des Reiches Gottes, das Geschenk der neuen, ersehnten Gerechtigkeit hier und jetzt, liegt nach seiner Überzeugung gerade darin, dass niemand die Stunde kennt. „Es kommt überraschend wie ein Dieb in der Nacht“, zitiert er Jesus.

Im Warten auf das Neue keimt das Neue schon. Gerechtigkeit Gottes ist keine Sache allein für das Jenseits. Das ist die Glaubenssumme seines Lebens.

Gebet:
Da wohnt ein Sehnen tief in uns, o Gott, nach dir,
dich zu sehn, dir nah zu sein.
Es ist ein Sehnen, ist ein Durst nach Glück, nach Liebe,
wie nur du sie gibst:

Text: Eugen Eckert