„Begeisterung steckt an“- Pfingstpredigt von Stefan Ark Nitsche

Aus der Nürnberger Kulturkirche St. Egidien übertrug das Erste Deutsche Fernsehen am Pfingstsonntag, (31. Mai, 10 Uhr) live den Pfingstgottesdienst mit Regionalbischof Stefan Ark Nitsche.

 

Pfingsten als Triplewunder

Predigt von Stefan Ark Nitsche

 

Des Wunders erster Teil

Menschen – in einem geschlossenen Raum. Eine seltsame Lähmung liegt über der Szene; vor ein paar Wochen noch voller Pläne: Hoffnung, Zukunft. Und jetzt: Bleierne Zeit … ängstliche Mienen, mutlose Gesten … niedergeschlagene Blicke, als hätte jemand den Stecker gezogen. Mit einem Schlag war alles anders. Zerstört die Hoffnung, dahin die Zuversicht: es wird gut werden! In rascher Folge: der Rausch von Palmsonntag: der Einzug Jesu in die heilige Stadt Jerusalem, der begeisterte Jubel der Menge. Sie haben es nur noch wie von fern im Ohr, schon verblassende Erinnerung … Und dann: Verhaftung ihres Hoffnungsträgers. Verurteilung. Grausame Hinrichtung am Kreuz. Aus! Vorbei. Abgetötet die Chance auf das Neue.

 

Und kurz darauf - Wechselbad der Gefühle – Ostern: doch alles wieder wie früher, alles wieder gut? Kaum realisiert, schon wieder vorbei. Himmelfahrt, Abschied, endgültig. Allein. Sie haben die Fenster verrammelt, die Türen abgesperrt. Wie ein Bild ihres inneren Zustandes: wie eingemauert, versteinert; alleingelassen mit diesem Einschnüren der Kehle, dem lähmenden Griff an die Seele. Sie trauen sich nicht mehr raus, auf die Straße, ins Leben. Wir haben ein neues Wort dafür: Lockdown. Alles vorbei, was gerade noch das Leben ausgemacht hat.

Plötzlich geschieht etwas – niemand weiß genau, was da passiert…? Aber es verändert sich was … War es einer, der plötzlich ausbricht: Ich halt das nicht mehr aus! War es das zarte Aufsteigen einer Erinnerung an ein Mut machendes Wort, eine Beobachtung, das Miterleben, dass eine wieder aufgerichtet wurde Steckt es in einem Lied, das eine zögerlich anstimmt, und nach und nach fallen andere ein. Bewegung war mit einem Mal im Raum, wie ein leiser Luftzug, … Wir wissen nicht was da geschieht, aber, Als würde es zaghaft heller, Licht!

Des Wunders erster Teil: Die Fenster öffnen, die Tür aufmachen. Blick nach oben, in den Himmel, Kuppel wird blau War es die Erinnerung an den Engel, vor ein paar Tagen, als Jesus sich verabschiedet hatte: "Jetzt seid ihr dran. Was starrt ihr wie gebannt in den Himmel. Fürchtet euch nicht!" Es gilt immer noch, was Jesus von Gott erzählt hat – aber: Jetzt seid ihr dran! … erinnert euch – und sagt es allen: "Ihr seid Ihm wichtig!"

Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle beieinander an einem Ort. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab. (Apg 2, 1ff)

Der zweite Teil des Wunders

Menschen wagen es, trauen sich zu erzählen, was ihnen wichtig ist. Sie haben begriffen: jetzt sind wir dran! Wir können uns nicht länger verstecken hinter dem großen Prediger und Menschenfreund, dem Gottesversteher Jesus, der so einen direkten Draht nach oben hat. Jetzt liegt die Verantwortung bei uns. Was trägt sie? Was predigen die da? Auf jeden Fall keine kruden Verschwörungstheorien, sondern sie reden von den großen Taten Gottes! Keine "donnernden Großwunder". Nein. Was hat Jesus uns gezeigt? Wie sich Leben verändert! Wie Menschen eine neue Chance bekommen:

Eine richtet er wieder auf: 12 Jahre verkrümmt durchs Leben: jetzt wieder aufrechter Gang. Einen anderen holt er wieder runter auf den Boden, er hat sich verstiegen vor lauter: Hey – ich will gesehen werden! Andere holt er aus den Ghettos heraus, in die sie abgedrängt wurden: weil die Angst vor Ansteckung sie dahinein verbannt hat, oder auch, weil sie sich selber ins Abseits manövriert haben.

Er holt sie zurück in die Gesellschaft, integriert sie wieder: ins Leben. Jesus, der Integrationsbeauftragte Gottes: Du bist wichtig. In den Augen Gottes bist du wer! Du. Mit einem eigenen Namen, unverwechselbar. Aufgezeichnet im Buch des Lebens. Eingezeichnet in die Hand Gottes – wie in einen Spickzettel für den jüngsten Tag.

Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde verstört, denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer? Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache? Parther und Meder und Elamiter und die da wohnen in Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia, Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Römer, die bei uns wohnen, Juden und Proselyten, Kreter und Araber: Wir hören sie in unsern Sprachen die großen Taten Gottes verkünden.

Sie entsetzten sich aber alle und waren ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll süßen Weins.

Wunder dritter Teil

"Wir hören sie in unsern Sprachen die großen Taten Gottes verkünden." Wunder dritter Teil: Sie werden verstanden – über Sprachgrenzen, über Kulturunterschiede hinweg: multiethnisch, multikulturell. Alle verstehen sie: die Gottes Sprache  – das  Übersetzungsprogramm dafür heißt: Menschen Sehnsucht: Für mich wunderbar eingefangen in einer Strophe aus dem 85.Psalm (Ps 85,9-11):

"Oh dass ich doch hören könnte im Lande,

dass sich Güte und Wahrhaftigkeit begegnen,

dass sich Gerechtigkeit und Frieden küssen!"

Gottes Sprache und Menschen Sehnsucht

Wie soll es, wie kann es weitergehen nach dieser Zeit? Wie zuvor? Oder doch auf der Sehnsuchtsspur?

"Oh dass ich doch hören könnte im Lande,

dass sich Güte und Wahrhaftigkeit begegnen,

dass sich Gerechtigkeit und Frieden küssen!"

"Güte", das heißt in biblischer Sprache: Nicht herablassende Gnade, auch nicht allgemein Barmherzigkeit, sondern: ein freier und solidarischer Blick, der die sieht, die es im Augenblick nicht allein schaffen – aus welchem Grund auch immer. "Wahrhaftigkeit", da steckt im hebräischen das Wort "Amen" drin: Ja, so ist es, da kannst du dich verlassen drauf, da kannst du dich festmachen dran, das ist ein stabiler Ankergrund.

"Gerechtigkeit", das ist im biblischen kein Fachausdruck aus der Gerichtssprache und auch nicht aus der Philosophie, das meint sehr konkret: Gemeinschaftsfähigkeit. Und schließlich "Frieden" – "Schalom", nicht Friede Freude Eierkuchen, sondern am besten mit einem Mobile zu erklären: Ungleichgewichte so austarieren, dass das ganze Mobile im Gleichgewicht ist und sich leicht im Windhauch bewegt.

Tägliche Arbeit am Ausbalancieren von ungleichen Gewichten. Wenn es gelingt, dann "küssen sich Gerechtigkeit und Frieden". Weltfremde Träumerei? Oder doch mehr? Für mich ist das eine poetische Werbung für eine Gesellschaftsordnung, in der alle eine Chance haben, in Würde zu leben. Nicht nur bei uns, auch in weltweitem Kontext. Wenn das Virus auf der Globalisierungswelle reist, warum nicht auch Frieden und Gerechtigkeit?

Klar, man kann sich so eine Vision prima vom Leib halten mit Spott und beißender Ironie, wie die Pfingsterzählung zeigt: "Die sind ja besoffen vor lauter visionärer Bilder!" Andere aber hat es gepackt: Was wäre, wenn das doch möglich wäre? Abwehr/Einspruch dagegen, diesmal aus weltklugem Mund: Der Mensch ist und bleibt der Mensch! Ja! Natürlich.

Gerade deshalb keine weltfremden heile-heile-Welt-Reden nach der Krise, auch nach dieser Corona-Zeit nicht.

Es wird nicht alles ganz anders und rosa-himmelblau werden. Christlicher Glaube bedeutet auch nicht: es gibt keine bösen Zeiten mehr. Sondern: was ich glauben kann, was ich wissen darf und erfahren, das ist etwas anderes: Ich bin nicht allein! Gott zieht sich nicht zurück. Auch jetzt nicht.

Des Triplewunders dritter Teil: Diese Botschaft weckt Interesse, macht neugierig, steckt/infiziert Menschen an, lockt sie aus der Reserve. Eine ganze neue exponentielle Kurve entsteht. Wenn ich die Zahlen aus der biblischen Erzählung umrechne – 120 stecken 3.000 an, dann ist der vielbeschworene Reproduktionsfaktor R=25 Und weil das passiert, wird die Verheißung zur Erfahrung: Wir sind nicht allein. Wir sind viele! Wir zeigen uns einander, wir suchen gemeinsam nach Gerechtigkeit und Frieden.

Gott zieht sich nicht zurück! Ziehn wir uns auch nicht zurück – von ihm nicht und nicht voneinander. Die Sorge ist dann nicht einfach verschwunden: Wie kann das weitergehen? Hab ich die Kraft, weiter zu machen, wieder einzusteigen, neu anzufangen? Meine Familie, mein Beruf, meine Pläne, mein Geschäft, mein … Die Sorgen werden nicht einfach verschwinden, aber sie können ihre Macht verlieren durch diese Erfahrung: Wir sind nicht allein. Wir sind viele, wir sehen uns und wir achten aufeinander!

Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan, vernehmt meine Worte! Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde des Tages; sondern das ist's, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist (Joel 3,1-5):

"Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben; und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen.!"

Wie sagte der Engel, als sie Jesus nachblickten, am Himmelfahrtstag? Als sie den Himmel absuchten nach dem, der ihnen immer den Weg gewiesen hatte; nach dem, dem sie sich anvertraut hatten, dem sie die Führung überlassen hatten und jede Deutung der Situation und jede Wegweisung und alle Verantwortung …?

Wie sagte der Engel, als sie den Himmel absuchten in der vergeblichen Hoffnung, dass wieder alles so weitergehen könnte wie vorher? Er sagte: "Jetzt seid ihr dran. Und ihr wisst, was dran ist. Er hat es euch ins Herz gelegt. Traut euch! Ihr seid frei dazu."

Pfingsten: Das Fest des Empowerment, in die Verantwortung zu gehen. Das kann frei machen. Das kann die Blickverengungen auflösen, aufatmen lassen, Weite zulassen, neue Wege finden und öffnen, für mich persönlich – und als Gesellschaft … Jetzt sind wir dran – und das ist keine Drohung, sondern eine Verheißung! Dann berühren sich nämlich Himmel und Erde…

"Da berühren sich Himmel und Erde …"

Verheißungsvoll ging es los: "Ich lass dich nicht allein!" Gottes Versprechen in den Worten Jesu. Und dann folgte das Triple-Wunder von Pfingsten

§  Mut finden zum Aufmachen, sich öffnen, nach draußen gehen, buchstäblich und im     übertragenen Sinn.

§  Dann: Sich auch da nicht verstecken, sondern trauen, zu sagen, worauf ich vertraue.

§  Und: des Wunders dritter Teil: Ich werde verstanden. Sehnsucht ist das Dolmetscherprogramm der Sprache Gottes.

Pfingsten: das Fest des selbst in die Verantwortung gehen, des Erwachsenwerden – in der Kirche, in der Gesellschaft, auf den Weg gebracht durch das Versprechen: Es steht im Lieblingsbuch Jesu, im Buch des Propheten Jesaja:

"Ich habe dich herausgelöst aus deinen Verstrickungen, aus allem, was dich klein machen will – ob es aus dir kommt oder von anderen

Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du gehörst zu mir.

Weil ich dich liebhabe und weil du wert geachtet bist in meinen Augen." (Jes 43,1.4.5)

Amen - das ist gewisslich wahr.

 

 

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